Denbo
Herzlich willkommen zum dritten Zazenkai im Bethaus.
Für Ende Mai ist eine öffentliche Feier zu meiner Ernennung als Zen-Lehrer geplant. Ich nehme das zum Anlass, heute über die Tradition der Transmission zu sprechen.
Dabei geht es mir nicht um mich selbst, und auch nicht darum, stolz auf irgendetwas zu sein. Mir geht es vielmehr darum, einige Elemente der Dharma-Übertragung etwas näher zu beleuchten.
Eines sei vorweg gesagt: Hier wird nichts übertragen im Sinne von:
„Da ist es, nimm es mit und pass gut darauf auf.“
„Da ist es, nimm es mit und pass gut darauf auf.“
Die eigentliche Übertragung hat bereits am 12. Juni 2025, noch im Lassalle-Haus, stattgefunden. Der japanische Name dafür lautet Denbō.
Denbō heisst wörtlich: den Dharma weitergeben oder den Dharma übertragen.
Denbō heisst wörtlich: den Dharma weitergeben oder den Dharma übertragen.
Diese Feier findet traditionsgemäss in der Nacht und im kleinen Kreis statt. Früher wurde der Raum dazu mit rotem Stoff ausgeschlagen. Das sollte eine Geburt symbolisieren: die Geburt eines neuen Lehrers.
Damit erhält der neue Lehrer nicht einfach einen Titel oder ein Amt. Gemeint ist vielmehr die Bestätigung, dass Lehrer und Schüler zur selben Einsicht gekommen sind. Dharma-Übertragung bedeutet in diesem Sinn: Ein Meister erkennt an, dass der Schüler dieselbe Verwirklichung erlangt hat.
Die öffentliche Feier macht sichtbar, was in der Nacht im kleinen Kreis bereits still bestätigt wurde.
Siegel der Geduld
Auf der Denbō-Feier erhält der neue Lehrer auch ein Zertifikat. Es trägt die Überschrift: „Das Siegel der Nachsicht und Geduld“. Dort heisst es:
„Einer, der immer geduldig sein kann, ist der rechte Nachfolger des Eihei-Stils.“
Eihei verweist auf Dōgen Zenji und darauf, dass unsere Linie auf Dōgen zurückgeht.
Man könnte diesen Satz auch so ausdrücken:
„Wer beständig Geduld, Standhaftigkeit und tragende Gelassenheit verkörpert, ist ein rechter Nachfolger in der Linie Dōgens.“
Wichtig ist mir dabei: Das soll kein neuer Vorsatz werden, kein inneres Programm im Sinn von: „So musst du jetzt sein.“
Geduld zeigt sich nicht als Pose und nicht als angestrengte Selbstverbesserung. Sie zeigt sich von selbst, wenn die Praxis reift. Wo Geduld nur gemacht wird, bleibt sie leicht Fassade.
Geduld zeigt sich nicht als Pose und nicht als angestrengte Selbstverbesserung. Sie zeigt sich von selbst, wenn die Praxis reift. Wo Geduld nur gemacht wird, bleibt sie leicht Fassade.
Shishô
Der neue Lehrer wird Nachfolger seines Meisters oder seiner Meisterin. In unserer Tradition kann diese Nachfolge nicht selbst beansprucht werden; sie wird in einer bestehenden Linie von einem Meister oder einer Meisterin bestätigt.
So entsteht eine Ahnenreihe, die bis zu Buddha Shakyamuni zurückgeführt wird. Als erster Nachfolger des Buddha gilt Mahākāśyapa. Im Denkōroku wird diese Linie von Mahākāśyapa bis Kōun Ejō entfaltet.
Mein direkter Vorgänger ist Dieter Wartenweiler Rōshi in der Linie von Niklaus Brantschen Rōshi.
Zur Vorbereitung auf das Denbō haben wir auf feinem japanischem Papier mit einem Fineliner die Namen der Vorgänger aufgezeichnet. Sie wurden kreisförmig angeordnet und jeweils zur Mitte hin geschrieben. Lineal und Zirkel waren auch dabei. Wir brauchten einen ganzen Nachmittag, um alles ruhig und geordnet aufzuschreiben. Die Atmosphäre dabei war sehr konzentriert und meditativ. Ich habe dieses Samu in guter Erinnerung.
Anschliessend wurde das etwa A2 grosse Blatt nach einem genauen Plan gefaltet, und dazu wurde aus Japanpapier noch eine Art Hülle oder Tasche gefertigt. Auch das war Teil der Sorgfalt dieser Form. Es ist eine schöne Tradition.
Dieses Blatt mit den Ahnen der Linie wird Transmissions-Dokument genannt. Auf Japanisch heisst es Shishō. Es ist nicht einfach eine Liste von Namen. Es ist die gezeichnete und schriftliche Form der Dharma-Nachfolge.
Zur Veranschaulichung ist hier die Ahnenreihe bis hin zu Ejō aufgeschrieben:
Shakyamuni Buddha → Mahākāśyapa → Ānanda → Shōnawashu → Ubakikuta → Daitaka → Mishaka → Bashumitsu → Butsudanandai → Fudamitta → Barishiba → Funayasha → Anabotei → Kabimora → Nagyaarajuna → Kanadaiba → Ragorata → Sōgyanandai → Kayashata → Kumorata → Shayata → Bashubanzu → Manura → Kakurokuna → Shishibodai → Bashashita → Funyomitta → Hannyatara → Bodhidharma → Eka → Kanchi Sōsan → Daii Dōshin → Daiman Kōnin → Daikan Enō → Seigen Gyōshi → Sekitō Kisen → Yakusan Igen → Ungan Dōryō → Tōzan Ryōkai → Ungo Dōyō → Dōan Dōhi → Dōan Kanshi → Ryōzan Enkan → Daiyō Kyōgen → Tōsu Gisei → Fuyō Dōkai → Tanka Shijun → Chōro Seiryō → Tendō Sōkaku → Setchō Chikan → Tendō Nyōjō → Eihei Dōgen → Kōun Ejō
Auch in der öffentlichen Feier wird der Ahnen gedacht, in Form einer Widmung. Dabei werden die Ahnen der überlieferten Linie rezitiert; danach folgt die Rezitation der weiblichen Ahnen.
Im gewöhnlichen Sinn heisst Widmung: etwas jemandem zusprechen oder für jemanden bestimmen, etwa die Widmung in einem Buch. Im buddhistischen Sinn bedeutet Widmung: die Früchte der Praxis nicht für sich zu behalten, sondern sie allen Wesen zu widmen.
Stellvertretend für die vielen Ahnen der Linie möchte ich drei Meister nennen, die mir besonders nahe sind: Huineng, Dōgen und Yamada Rōshi. Das ist keine Rangordnung. Aber in ihren Worten bin ich immer wieder auf etwas gestossen, das mich trägt, klärt und begleitet. Eigentlich hätte ich noch Huangbo hinzugefügt, aber er gehört nicht in unsere Linie, sondern in einen anderen Zweig.
Da ich jedoch bei anderen Gelegenheiten schon viel über Huineng (638–713) erzählt habe, erlaube ich mir hier einen kleinen Stilbruch und lasse stattdessen Huangbo (gestorben um 850) zu Wort kommen.
Huangbo
Huangbo steht in der Linie Huinengs und wirkte rund 130 Jahre nach ihm, also im 9. Jahrhundert. Ein berühmter Schüler Huangbos war Linji Yixuan, japanisch Rinzai Gigen. Linji, gestorben 866, wurde später zum Namensgeber der Rinzai-Schule.
Die Unterweisungen Huangbos wurden in der Chün-chou-Niederschrift von P’ei-hsiu festgehalten. Der erste Teil enthält die Unterweisungen des Meisters, der zweite Teil Fragen von P’ei-hsiu und Antworten Huangbos. P’ei-hsiu war ein Beamter und Gelehrter von grossem Wissen und hatte eine tiefe Verehrung für Huangbo.
Damit haben wir Huangbo zeitlich und geschichtlich etwas eingeordnet. Schauen wir nun auf den Kern seiner Lehre. Danach möchte ich auf einige Zitate eingehen, die mich besonders berühren.
Kern der Lehre des Huangbo
Huangbo sagt: Das Wesentliche ist schon da.Man kann es nicht erwerben.Man verfehlt es nur, wenn man es im Denken, in Verdiensten oder in äusseren Formen sucht.
Ein zentraler Satz lautet:
„Der eine Geist ist Buddha“
Und wie ist das zu verstehen?
Für mich heisst das in einfachen Worten:
Das Wesentliche steht mir nicht gegenüber.
Ich kann es nicht erwerben und nicht festhalten.
Es ist diese Wirklichkeit selbst, genau hier.
Sobald ich nach ihr greife, mache ich schon wieder ein Objekt daraus.
Zen heisst dann vielleicht einfach: nichts daraus machen, atmen, und den nächsten Schritt tun.
Ich kann es nicht erwerben und nicht festhalten.
Es ist diese Wirklichkeit selbst, genau hier.
Sobald ich nach ihr greife, mache ich schon wieder ein Objekt daraus.
Zen heisst dann vielleicht einfach: nichts daraus machen, atmen, und den nächsten Schritt tun.
Hier nun drei Zitate von Huangbo, die mich besonders ansprechen:
„Es gibt nur die eine Wirklichkeit, die nicht zu verwirklichen und nicht zu erlangen ist.“
Huangbo nimmt mir die Hoffnung, dass ich mir das Wesentliche verdienen könnte.
Und gerade darin liegt Trost.
Denn was nicht erworben werden muss, ist nicht fern.
„Was immer die Sinne auffassen, einschliesslich gedanklicher Begriffe bis hin zu den Lebewesen, gleicht einer Illusion.“
Das heisst nicht, dass es die Welt nicht gibt.
Es heisst nur: Sie ist nicht so fest, so eindeutig und so greifbar, wie ich sie mir oft vorstelle.
Gerade darin täusche ich mich.
Es heisst nur: Sie ist nicht so fest, so eindeutig und so greifbar, wie ich sie mir oft vorstelle.
Gerade darin täusche ich mich.
Zum Beispiel:
Jemand sagt ein Wort, und sofort entsteht in mir eine Geschichte.
Ich sehe einen Blick und denke: „Er lehnt mich ab.“
Ich höre Kritik und mache daraus: „Ich genüge nicht.“
Ich nehme eine Rolle wahr und glaube: „Das bin ich.“
Jemand sagt ein Wort, und sofort entsteht in mir eine Geschichte.
Ich sehe einen Blick und denke: „Er lehnt mich ab.“
Ich höre Kritik und mache daraus: „Ich genüge nicht.“
Ich nehme eine Rolle wahr und glaube: „Das bin ich.“
„Jede bestehende Erscheinung ist eine Schöpfung des Denkens. Ich brauche nur meinen Geist leer zu machen, um zu sehen, dass alle leer sind.“
Huangbo sagt damit für mich:
Die Welt, wie ich sie als feste Welt von Dingen, Personen, Kränkungen, Erfolgen und Identitäten erlebe, ist vom Denken mitgebaut.
Die Welt, wie ich sie als feste Welt von Dingen, Personen, Kränkungen, Erfolgen und Identitäten erlebe, ist vom Denken mitgebaut.
Das kann mir helfen, wenn ich mich verliere in
Vergleich,
Angst,
Recht-haben-Wollen,
Erinnerung,
oder Selbstbild.
Vergleich,
Angst,
Recht-haben-Wollen,
Erinnerung,
oder Selbstbild.
Alltagsnah heisst das:
nicht sofort reagieren,
nicht sofort reagieren,
nicht jeden inneren Kommentar glauben,
nicht jede Stimmung für Wahrheit halten,
einen Moment still werden, bevor man aus dem Muster heraus antwortet.
nicht jede Stimmung für Wahrheit halten,
einen Moment still werden, bevor man aus dem Muster heraus antwortet.
Dann verschwinden die Dinge nicht.
Aber sie werden leichter.
Weniger massiv.
Weniger absolut.
Weniger „ich“ und „mein Problem“.
Aber sie werden leichter.
Weniger massiv.
Weniger absolut.
Weniger „ich“ und „mein Problem“.
Dogen
Ich mache jetzt einen Sprung ins 13. Jahrhundert, hin zu Dōgen.
Er lebte von 1200 bis 1253 und gilt als Begründer des Sōtō-Zen in Japan.
Er lebte von 1200 bis 1253 und gilt als Begründer des Sōtō-Zen in Japan.
Wesentlich an Dōgens Lehre ist für mich vor allem dies: die starke Betonung des Shikantaza, also des „Nur-Sitzens“. Praxis und Verwirklichung sind bei ihm nicht zwei verschiedene Dinge. Zazen ist nicht bloss eine Methode zu einem späteren Ziel, sondern selbst Ausdruck des Buddha-Weges.
Für unsere Linie ist Dōgen wichtig, weil die Sanbō-Kyōdan-Linie wesentlich auf dem Sōtō-Zen gründet.
Für das heutige Teisho möchte ich Dōgen nur kurz erwähnen und keine weiteren Zitate von ihm besprechen. Ich habe das im letzten Zazenkai bereits thematisiert und werde sicher auch in Zukunft wieder auf Dōgen zurückkommen.
Yamada Kōun Rōshi
Yamada Kōun Rōshi ist für unsere Linie besonders wichtig. Er lebte und wirkte in einer Zeit grosser Erschütterung. Nach dem Krieg richtete sich sein Blick auf die Förderung eines neuen Bewusstseins, in dem der Mensch sich nicht getrennt von allem und allen versteht, sondern in tiefer Verbundenheit.
Yamada Kōun war Familienvater und stand mitten im Alltag. Gerade deshalb war es ihm ein Anliegen, den Zen-Geist nicht vom gewöhnlichen Leben zu trennen. Er wollte Zen nicht auf das Kloster beschränken, sondern mitten im Leben verwirklichen. Auf seinem eigenen Grundstück errichtete er neben seinem Haus ein Zendo, das bald Menschen verschiedener Nationen und Religionen anzog.
Für unsere Linie ist er auch deshalb wichtig, weil sich bei ihm zwei grosse Ströme des Zen verbinden. Der Grundcharakter unserer Tradition ist Sōtō. Durch Yasutani wurde jedoch auch die Kōan-Schulung aufgenommen, wie sie besonders mit der Rinzai-Tradition verbunden ist. So stehen in unserer Linie das schlichte Sitzen und die Kōan-Arbeit nicht gegeneinander, sondern ergänzen einander.
Yamada Rōshi hat sowohl den Mumonkan als auch das Hekiganroku kommentiert. Wer bei uns in die Kōan-Schulung eintritt, begegnet dem eigenen Denken sehr direkt. Man lernt die eigenen Muster, Ausweichbewegungen und Sicherheiten genauer kennen.
Zurück zur Feier
Diese drei Meister zeigen etwas vom Geist der Linie: bei Huangbo die Unmittelbarkeit, bei Dōgen die Praxis des Sitzens, bei Yamada Rōshi die Verwirklichung im Alltag.
Damit komme ich zurück zur öffentlichen Feier. Sie ist kein bloss persönliches Ereignis, sondern macht sichtbar, dass der Dharma weitergetragen wird.
Die eigentliche Übertragung geschieht still, im kleinen Kreis, in der Nacht. Die öffentliche Feier ist ihr sichtbares Echo.
Sie sagt nicht: Jetzt ist etwas erreicht.
Sie sagt: Jetzt beginnt Verantwortung.
Sie sagt: Jetzt beginnt Verantwortung.
Ich verstehe diese Feier deshalb nicht als Auszeichnung, sondern als Erinnerung, den Weg weiter zu üben, ihn nicht zu besitzen und ihn so gut ich kann im Leben zu verkörpern.
Wenn an diesem Tag etwas gefeiert wird, dann vielleicht dies:
dass die Linie lebendig bleibt
und dass wir diesen Weg nicht allein gehen.
dass die Linie lebendig bleibt
und dass wir diesen Weg nicht allein gehen.
Klaus-Peter Wichmann
09. Mai 2026 – Teishô Zazentag im Bethaus Wiedikon
www.parami.ch