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B1-K12 · KUGE
Die Blume der Leerheit
Der große Meister Bodhidharma, der Begründer der Zen-Übertragung in China, verfaßte folgende Verse: »Wenn eine Blume blüht, wachsen fünf Blätter.
Das ist für sie die wahre, natürliche Zeit1.« Wenn du die wahre Bedeutung dieses Verses erfassen willst, mußt du den Zeitpunkt finden, in dem die Blume blüht. Die Zeit der Blume ist die Zeit der fünf Blätter. Das Prinzip des »eine Blume und fünf Blätter« kommt von Bodhidharmas Aussage »Ich kam nach China, um den Buddha-Weg zu übermitteln, um alle Menschen, die unter der Täuschung leiden zu retten«.
»Früchte hervorbringen« bedeutet, in anderen Menschen Früchte hervorbringen - das ist unser natürliches Tun. Dies zu tun (Ursache) ist allumfassend, und das Früchte-Hervorbringen (Wirkung) ist ebenfalls allumfassend.
»Natürlich« heißt hier »Selbst«; »Ich« heißt hier »Du«. Dies geschieht, wenn unser »Selbst« das wahre Selbst ist, dann gehört unser Selbst nicht uns und nicht anderen — es sind die vier Elemente und die fünf Skandhas. Es ist Mui No Shinjin, »das wahre Selbst, das Name und Form übersteigt und jenseits aller Dualität ist.« Das ist die »Natur« der »natürlichen Zeit«, und es ist die Zeit der Weitergabe der Lehre und die Zeit, alle Lebewesen zu retten.
Es gleicht einer blauen Lotos-Blume2, die in der tropischen Hitze blüht.
Würde diese Blume nicht blühen, dann hätte es keinen Morgenstern gegeben, der Shakyamuni zu Erleuchtung führte. Das Wichtigste ist, daß es unzählige blaue Lotos-Blumen gibt, im Lichte eines Sternes, der durch das ganze Universum leuchtet, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Wenn du die tropische Hitze erlebst, wirst du gewiß den blauen Lotos erfahren.
Es gibt einen anderen Ausspruch eines alten Patriarchen: »Ein blauer Lotos blüht in einem Feuer.« Du mußt erkennen, wo und wie dieser Lotos blüht. Zu diesem Zweck mußt du dein Erkennen, Bewußtsein und dein eigenes Urteilen ablegen. Wenn du die Existenz dieses blauen Lotos bezweifelst, wirst du auch an der Existenz eines Lotos im Wasser zweifeln, oder einer Blüte am Zweig, oder sogar an Land, Bergen und Flüssen.
Wenn du die Ebene der Patriarchen nicht erreichst, wirst du nicht erkennen, daß ein blühender Frühling die ganze Welt umfaßt. Wenn die Blume blüht, blüht nicht nur ein Blumenblatt, sondern die ganze Blume, und wenn eine Blume blüht, blühen gleichzeitig zahllose Blumen. Wenn du dieses Prinzip begreifst, kannst du verstehen, wie es Herbst wird. Wir müssen jedoch nicht nur die Bedeutung von Frühling rund Herbst und ihrer Blumen und Früchte verstehen, wir müssen auch unsere eigenen Blumen.und Früchte studieren.
Blumen und Früchte haben ihre eigene, einzigartige Welt der Zeit. Umgekehrt hat die Welt der Zeit ihre eigenen Früchte und Blumen. Jede Grasart hat ihre eigene Blume, jeder Baum hat seine eigenen speziellen Blüten und Früchte. Und wenn wir uns die Menschen als Bäume vorstellen, hat jeder Baum seine eigenen speziellen Blüten.
Das ist Kuge (Die Blume der Leerheit)3. Wenn du mit deiner eigenen Erkenntnis auf diese Blume schaust, ist es dir nicht möglich, ihre wahre Farbe zu erkennen, da deine Wahrnehmung nur auf die äußere Form gerichtet ist und nicht auf das Wesen, die Leerheit der Blume. Dies ist eine sehr begrenzte Sicht.
Diese Auslegung von Kuge findet man nur im Buddhismus und nicht in den Lehren der Ungläubigen. Für Ungläubige gibt es keine Möglichkeit, Kuge zu erleben. Nur Buddhas und Patriarchen bemerken und erleben das Blühen und Welken Kuges durch das ganze Universum hindurch. Das ist das Vorbild, dem wir auf dem Buddha-Weg folgen müssen — das allumfassende Kuge.
Shakyamuni sagte einst: »Wenn jemand ein Augenleiden hat, dann ist seine Sicht mangelhaft, und er sieht eine Blume am Himmel. Diese Blume ist Kuge.« Eine Auslegung hiervon ist, daß »Augenleiden« eine verkehrte Sicht bedeutet; folglich erscheint die Blume mißgestaltet. Wenn dies nicht klar ist, könnte eine Blume gesehen werden, wo keine existiert. Wenn das Augenleiden geheilt ist, ist Kuge nicht länger zu sehen.
Es ist wahrhaft bedauerlich, daß viele Leute die Bedeutung und Bewandtnis von Kuge nicht erkennen. Von gewöhnlichen Leuten und Ungläubigen läßt es sich nicht erfassen, aber Buddhas bemühen sich immer, Kuge klar zu sehen.
Shakyamunis Hochheben der Blume ohne zu sprechen und Mahākāśyapas Lächeln war eine Verständigung von Geist zu Geist. Dies war verwirklicht durch das Sehen Kuges mit dem wiederhergestellten Sehvermögen. Kuge existiert in der Schatzkammer der Erkenntnis des Wahren Dharma und dem Ruhigen Geist des Nirvana — unaufhörlich, von Patriarch zu Patriarch. Erleuchtung, Nirvana, Realität, unsere wahre Natur — alles sind Blütenblätter von Kuge.
Shakyamuni sagte auch: »Die Verwandtschaft (zwischen Nirvana, Realität, Existenz usw.) zu verstehen ist, als hätte man sein Augenleiden behoben. Kuge verschwindet.« Die meisten Priester kennen die wahre Bedeutung von Kuge nicht, und sie erkennen auch nicht, wer oder was ein Augenleiden hat.
Nachdem wir die wahre Bedeutung von Kuge erkannt haben, verschwindet die Blume am Himmel. Die Anhänger des Hinayana denken, daß nichts mehr existiert am Himmel, wenn die Blume verschwindet. Was existiert, wenn Kuge nicht gesehen werden kann? Sie denken, daß Kuge aufgegeben werden sollte und erkennen seine tiefe Bedeutung nicht. Genauso wie die Buddhas den Samen des Buddha-Weges unter die Menschen streuen, und die Erleuchtung zusammen mit der Übung ihn, den Samen, zur Frucht, d. h. zur Befreiung bringt, so sät Kuge den Samen der umfassenden Leerheit. Die meisten Schüler denken jedoch, daß der Raum nur den Himmel enthält. Sie stellen sich Kuge als eine treibende Wolke am klaren Himmel vor, die vom Wind von Osten nach Westen hinauf und hinunter getrieben wird. Sie erkennen nicht, daß die vier Elemente, Berge und Flüsse, wirklich jedes Ding in dieser Welt, Kuge ist. Unglücklicherweise können die meisten Schüler nicht hinter die phänomenale Welt blicken.
Aus ihrer Sicht existiert Kuge durch ein Augenleiden; sie merken nicht, daß es genau umgekehrt ist.
Im wahren Buddhismus ist »jemand, der ein Augenleiden hat« eine erwachte Person, ein vollständig Erleuchteter, ein Buddha, jemand, der über die Erleuchtung hinaus gegangen ist. Einige Leute denken, daß es daneben noch weitere Formen der Wahrheit gibt. Das stimmt nicht. Trotzdem kommt es vor, daß jemand durch sein Augenleiden eine Blume sieht. Dies geschieht durch das wirkliche Suchen nach Erleuchtung, ohne zu erkennen, daß das Leiden s~Jbst die Wurzel der Erleuchtung ist.
Wenn wir den Zustand »des Augenleidens« kennen, können wir Kuge verstehen und sind von beiden frei. Wir können sie als Funktionen der Realität sehen, als absolute Zustände. Mehr noch: Jede Bedingung in der ganzen Welt drückt ihre eigene Wahrheit aus — es gibt nichts Nutzloses oder überflüssiges - alles ist harmonisch und vollständig. Augenleiden und Kugesind genauso.
Sie kümmern sich nicht um Gegenwart und Zukunft oder um Anfang, Mitte und Ende. Sie sind unabhängig von Erzeugung und Zerstörung, obgleich Geburt und Tod überall im Universum erscheinen.
Es gibt mehrere Methoden, Kuge zu studieren: Vom Standpunkt des Augenleidens, der Beobachtung durch das Auge des Geistes, durch Buddhas Sicht, durch die Sicht der Patriarchen, durch das Auge des Weges, durch das Auge der Erleuchtung, durch die 3000jährige Sicht, durch die 800jährige Sicht, durch die ewige Sicht und durch die unbegrenzte Sicht. Die »Blume« umfaßt die mannigfaltigen Formen der Existenz, während die Leerheit das Wesen ist, das jede Form durchdringt. Jede individuelle Form der Leerheit kann in einer Blume gesehen werden. Die universale Leerheit blüht als eine Blume.
Wir sollten wissen, daß der Himmel nichts anderes als ein einzelnes Grasblatt ist; seine Blume blüht im Raum, wie die Blüten von hundert blühenden Gräsern. »Ursprünglich gab es keine Blumen am Himmel.« Auf dem Weg des Tathägata gab es ursprünglich keine Blumen; aber jetzt gibt es Blumen, wie zum Beispiel Pfirsich, Pflaumen und Weiden. Wir kennen den Spruch »Gestern blühten keine Pflaumen; sie müssen auf den Frühling warten.« Wenn der Frühling kommt, blühen sicher die Bäume. Es ist die Zeit der Blumen, ihre Erfüllung.
Diese Zeit kann nicht geändert werden. Pflaumen, Pfirsiche und Weiden werden immer blühen, ohne sich zu behindern. So kann auch die Blume der Leerheit niemals verwirrt oder verändert werden.
Nachdem du die verschiedenen Farben von Kuge bemerkt hast, erkennst du, daß die Leerheit zahllose verschiedene Früchte hervorbringt. Nachdem du die Blumen blühen und vergehen sahst, betrachte den Frühling und Herbst von Kuge. Genauso wie Kuge Myriaden Formen hat, hat der Frühling zahllose Aspekte, und sowohl Frühling wie Herbst haben eine Vergangenheit und Gegenwart.
Wenn du jedoch denkst, daß Kuge keine wirkliche Blume ist, dann ist dein Verständnis des Buddhismus begrenzt. Wenn du Shakyamunis Worte hörst und denkst, da ist nun Kuge, das ursprünglich gar nicht existierte, dann verfehlst du das Verständnis und mußt tiefer nach der Bedeutung suchen.
Ein Patriarch sagte einst: »Bis heute ist noch nie eine Blume gewachsen.« Dies bedeutet, daß es keine Geburt oder Zerstörung und folglicherweise keine Blume, d. h. kein dauerhaftes Wesen gibt. Verschwende keine Zeit für unnütze Erörterungen, und klammere dich nicht an die Beziehung der Zeit zu der Blume. Blumen haben verschiedene Schattierungen, jedoch Farben allein können ihre Formen nicht adäquat beschreiben. Nicht nur Blumen, auch jeder Augenblick hat Farben wie blau, gelb, rot oder weiß. Der Frühling bringt die Blumen, die Blumen bringen den Frühling. Es gibt keinen Gegensatz zwischen ihnen.
Chökutsu, berühmt für seinen brillanten Geist, war ein Laienschüler von Sekisö4. Er verfaßte folgende Verse über seine Erleuchtung: »Das Wahre und Tiefe Licht scheint überall hinein. Dieses Licht ist im Kloster, in der Buddha-Halle, im Verwaltungs-Gebäude und in den Haupteingängen.
Das Wahre Licht ist grenzenlos und verwirklicht sich selbst fortwährend und überall.« »Sowohl die gewöhnlichen Menschen als auch die Heiligen leben in ihrem eigenen Haus.« Dies bedeutet nicht, daß es keinen Unterschied zwischen gewöhnlichen Leuten und Heiligen gibt; es bedeutet, daß du die verschiedenen Menschen nicht verurteilen sollst. Wenn dein innerster Entschluß sich auf den Buddha-Geist gründet, wird es dir möglich, Erleuchtung zu erreichen. Jede religiöse Absicht muß Teil des Buddha-Geistes sein: dann wird sie zu der Erkenntnis der Wahrheit führen, so wie sie ist. Unsere religiösen Vorhaben müssen sich auf unser inneres Bewußtsein, auf den allertiefsten Grund stützen. Wenn das Bewußtsein tätig ist, tauchen die Wolken (der Täuschung) auf.
»Wenn einer der sechs Sinne nicht richtig funktioniert, dann kann man die Realität nicht klar sehen.« Die sechs Sinnesorgane sind Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper und Geist. Sie funktionieren nicht getrennt, sondern arbeiten harmonisch zusammen. Sie sind wie treibende Regenwolken, die den Berg Sumeru umgeben, d. h. die harmonische Beziehung zwischen dem Unerschütterlichen und Unwandelbaren mit dem Zeitlichen und Veränderlichen.
»Sogar wenn die Leidenschaften abgefallen sind, sind wir dennoch krank.« Diese Krankheit unterscheidet sich von der gewöhnlichen Krankheit, es ist die Krankheit der Buddhas und Patriarchen. Wenn alle Leidenschaften abgelegt sind, wächst diese Krankheit. Genauso existieren Loslösung und Täuschung zusammen; und der Sinn der Täuschungen ist es letztlich, ihre eigenen Aktivitäten abzulegen.
»Es ist falsch, die Wahrheit zu verneinen oder zu bejahen.« Sich abzuwenden oder sich der Wahrheit entgegenzustellen ist schlecht. Jedoch kann die Wahrheit sogar in solchen Handlungen gefunden werden. Wer kann die Beziehung zwischen der Schlechtigkeit und der Wahrheit ermessen?
»In allen Beziehungen gibt es Loslösung.« Die gegenseitigen Beziehungen bringen fortwährend andere harmonische Beziehungen hervor. Dies ist Loslösung.
Bindung und Loslösung müssen dein ganzes Leben hindurch frei Hand in Hand gehen.
»Nirvana und Samsara sind die Blumen der Leerheit. Nirvana muß von allen Buddhas, Patriarchen und Schülern erreicht werden. Leben und Tod sind der wahre Körper des Menschen. Die Wurzeln, Stengel, Zweige, Blätter, Blüten, Früchte und die Form jeder Blume sind Kuge. Kuge bringt seine Früchte aus der Leere hervor und pflanzt seinen Samen in den Himmel (der umfassenden Leerheit). Da die drei Welten ein Blumenblatt des blühenden Kugesind, sind sie nicht verschieden. Kuge ist die wahre Form aller Erscheinungen; die wahre Form einer Pflaumen-, Weiden- oder Pfirsichblüte.
Als der Zen-Meister Reikun vom Berg Fuyo in Fukushu (er lebte während der Sung-Dynastie) zum erstenmal den Zen-Meister Shishin von Kishuji besuchte fragte er ihn: »Wie ist denn Buddha eigentlich?« »Ich will dir eine Antwort geben, aber wirst du sie verstehn?« sagte Shishin. »Warum sollte ich deine Antwort nicht verstehn?« fragte Reikun. »Du bist's«, antwortete der Meister. »Was soll ich tun?« fragte Reikun. »Wenn deine Sicht schlecht ist, verlierst du die wahre Form von Kuge«, sagte Shishin. Shishin sagt uns, daß wir Buddhas Standpunkt zu unserem eigenen machen sollen. Dies ist die Verwirklichung von Buddhas Sicht. Dies verstehen alle Buddhas — es ist die Schatzkammer der Erkenntnis des Wahren Dharma.
Kuge verwirklicht sich in unserer Sicht und umgekehrt. Wenn wir durch Kugesehen, können wir die Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Wir können Kuge in der ganzen Welt sehen — im Himmel, in den Blumen, in unseren Augen und unserem Körper.
Der Ausdruck »Blumen am Himmel« muß klar sein. Der große Meister Köshö vom Berg Röya6 sagte: »Es ist tief und mysteriös, selbst jetzt beobachten alle Buddhas der Welt die Blume am Himmel. Um die Blume zu sehen, mußt du das gleiche Verständnis haben wie die Buddhas. Wenn du dies hast, wirst du die Buddhas der Vergangenheit wahrnehmen. Wenn nicht, werden die Hinayanisten und die Pratyekabuddhas vor Freude jubeln.« Denke nicht, daß die Buddhas wirklich sind — eigentlich sind sie »Blumen am Himmel«.
Alle Buddhas leben hier; nur hier kann man leben. Kuge ist weder Sein noch Nicht-Sein, weder Leerheit noch Form; es ist die Offenbarung aller Buddhas.
Jedoch darfst du dich auch nicht an Kuge oder die Offenbarung der Buddhas binden. Du mußt erkennen, ganz gleich ob du dies verstehst oder nicht, daß Kuge existiert. Sūtra- oder Abhidharma-Gelehrte7 mögen den Ausdruck »Kuge« hören, jedoch nur die Buddhas und Patriarchen haben die richtige Beziehung zu ihm: Die Ißnz des Buddhismus ist in beiden offenbart, in Kuge und in einer Blume, die auf der Erde wächst.
Der Zen-Meister Etetsu vom Berg Sekimon8 lebte während der Sung-Dynastie und gehört in die Linie der Übertragung von Ryözan. Er war ein ausgezeichneter Meister. Einst fragte ihn ein Mönch: »Was gleicht einem Schatz, der in einem Berg verborgen ist?« (Das bedeutet »Wie ist denn eigentlich:ß'uddha?« oder »Wie ist denn eigentlich der Weg?«) Sekimon erwiderte: »Kuge entspringt der Erde. Jeder in diesem Land möchte sie bekommen, aber es gibt kein Tor, um einzutreten.« Seine Antwort ist unvergleichlich. Die gewöhnliche Auslegung ist, daß Kuge nur in der Leerheit wurzelt. Wenn niemand weiß, wie sie in der Leer<heit wächst, gibt es dann jemand, der weiß, wie sie auf der Erde wächst? Möglicherweise weiß es nur Sekimon. »Entspringt der Erde« enthält alle Stadien des Wachsens — Anfang, Mitte und Ende. Kuge wächst und blüht durch die ganze Welt. Wenn du aber versuchst, sie zu erlangen, kannst du sie nirgends finden. Es gibt ein Kuge, das der Erde entspringt und eine Erde, auf der Kuge blüht. Das Allerwichtigste ist, daß Kuge Früchte trägt, sowohl auf der Erde wie im Himmel. Dies wurde den Mönchen im Kannondöri, Köshöji am 10. Mai 1243 vorgetragen und von Ejö am 27. Januar 1244 im Raum des obersten Schülers in Kippöji niedergeschrieben. Eine zweite Nachschrift wurde am 28. August 1318 im Enjudö von Eiheiji angefertigt.
Fussnoten
Die wahre, natürliche Zeit bedeutet der richtige, eigentliche Zeitpunkt. (Anm. des Übers.) ↩
Die blaue Lotosblume oder der Lotos im Feuer bedeutet der »im Feuer erwachsene, ewige Lotos«, d. h. die Meditation »inmitten der Begierde«, die kraftvoller ist als die Meditation in einsamer Abgeschiedenheit, den »im Wasser gewachsenen, verwelklichen Lotos«. (Anm. des Übers.) ↩
Kuge »Blumen am Himmel« wird im Buddhismus üblicherweise als Symbol für diejenigen, welche ein »Augenleiden« haben, benutzt; d. h. für diejenigen, die in der Täuschung leben und die Dinge nicht in ihrem wahren Licht sehen können. Dögen jedoch entwickelt in diesem Kapitel die Idee, daß sogar solche Täuschungen die Erleuchtung und die Basis der Realität ist. ↩
Chökutsu (Chang-cho, 824); Sekisö (Shishuang, gest. 888). ↩
Ling-hsüan und Chih-chen, Daten unbekannt.
Kung-chao, Daten unbekannt. ↩
Abhidharma, die Abhidharma-Pitaka, der »Korb der Dogmatik«, der die Grundiehren des Buddhismus enthält. (Anm. des Übers.) ↩
Shih-men, Daten unbekannt. ↩
Was gibt uns Halt?
In diesem Impulsvortrag beschäftige ich mich mit dem Thema «Halt und Orientierung im Leben» und damit, wie ein solcher Halt gestaltet werden könnte. Angeregt zu diesem Thema wurde ich durch ein trauriges Ereignis bei uns in der Nachbarschaft. Die Frau eines betagten Ehemannes ist recht überraschend verstorben. Das Ehepaar war über 65 Jahre verheiratet, und beide sind in dieser Zeit zu einer festen Einheit geworden. Für den Ehemann ist es eine traurige Zeit; diese hatte er sich einfacher vorgestellt.
Erst jetzt merkt er, wie wichtig seine Frau in seinem Leben war. Eigentlich ging er davon aus, dass er wegen Vorerkrankungen zuerst gehen würde, und nun ging seine Frau voraus.
Wir haben unseren Nachbarn zu einem Nachtessen eingeladen. Bei diesem Treffen lernte ich unseren Nachbarn, seine Werte und Glaubenssätze besser kennen. Wichtig für ihn ist ein demokratisch orientiertes Miteinander in der Gesellschaft. Falls es zu einer Entscheidung gekommen ist, so ist diese zu respektieren, auch wenn sie mir nicht passt.
Kennengelernt habe ich auch einen Glaubenssatz von ihm, der sich so beschreiben lässt:
«Unsere Gesellschaft wird heute durch eine Koalition politischer Kräfte beherrscht, deren Ziel es ist, allen ihren Willen aufzudrücken und zu bestimmen, was politisch zu geschehen habe. Dies kann so nicht hingenommen werden, und wir werden uns dagegen wehren.»
Persönlicher Halt und Orientierung
Mir wurde klar, wie wichtig das Thema «Halt und Orientierung» für unseren Nachbarn ist. Er hat sich dazu entschieden, seinen Halt in einem Glaubenssatz zu finden. Ich umschreibe den Glaubenssatz jetzt mal so:
«Wichtig ist für mich, dass wir frei und ohne Einmischung von anderen unsere Entscheidungen unabhängig treffen können.»
Das Problematische an diesem Glaubenssatz ist für mich, dass wir nicht unabhängig voneinander leben. Ganz im Gegenteil: Alles ist mit allem verbunden, beeinflusst sich gegenseitig und ändert sich in gegenseitiger Abhängigkeit laufend. Dies ist das grundlegende Verständnis im Zen vom Leben in gegenseitiger Abhängigkeit und stetem Wandel.
Ein offenes Zuhören wird aus meiner Sicht durch Glaubenssätze verhindert beziehungsweise blockiert. Identifiziere ich mich persönlich mit diesen Glaubenssätzen, so wird es noch schwieriger. Diese Identifikation fördert, dass ich sie dann auch verteidige. Mein Urteil steht in Sekundenschnelle fest. Oft genügt es, ein bestimmtes Stichwort zu hören, das bei mir eine vorprogrammierte Reaktion auslöst. Damit übersehe ich die extrem hohe Komplexität bei der Meinungsfindung. Es wird sehr stark vereinfacht.
Diese Vereinfachung steht für «schnelles Denken» oder «musterhaftes Denken». Diese Denkart benötigt wenig Energie, da das Frontalgehirn nicht oder kaum beteiligt ist. Damit wird mein Verhalten «vorprogrammiert» und «festgefahren». Es fehlt mir dabei die Lebendigkeit. Wir werden so zu Robotern.
Geerbtes Grundverhalten der Menschen
In einem Seminar, das ich vor über 20 Jahren besucht hatte, wurde uns Folgendes mitgegeben. Wir Menschen verfügen über ein geerbtes Grundverhalten. Es ist geerbt, da wir es von unseren Eltern und Lehrern übernommen haben. Es sieht so aus:
- Beurteilen und Bewerten
- Immer gut aussehen wollen
- Recht haben wollen
- Dominieren
Das Beurteilen und Bewerten fesselt uns an den Dualismus und das unterscheidende Denken. Dazu gehören jeweils zwei Pole, die diametral gegenüberstehen und zusammengehören. Beispiele: «klein und gross» oder «Liebe und Hass». Wichtig dabei ist es, dass es das Eine nicht ohne das «Andere» geben kann. Etwas ist klein, weil etwas anderes als gross angesehen wird. Dies ist der Charakter des unterscheidenden Denkens. Wichtig ist:
«Wer einen Pol stärkt, belebt gleichzeitig den anderen Pol.»
Goethe hat dies im «Faust» so ausgedrückt:
«Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.»
Nach seiner Rückkehr aus China hat Dōgen Zenji den Satz geprägt:
«Augen horizontal – Nase vertikal.»
Damit ist gemeint: Ein Phänomen ist in seinen Eigenschaften das, was es ist. Aber auch nicht mehr. Dies kann uns weiterhelfen, etwas so zu akzeptieren, wie es im Moment erscheint. Für unsere Zen-Praxis ist dies eine wichtige Lehre und Übung.
Wenn wir diese Übung fortwährend anwenden, so schwächen wir gleichzeitig unser fortwährendes Beurteilen und Bewerten, und wir können uns so von dieser Fessel befreien. Eng verknüpft damit ist unsere Neigung, für etwas eine Vorliebe beziehungsweise eine Abneigung zu haben. Es gibt dazu ein schönes Koan im Hekiganroku, Fall 43. Dieses lautet so:
Ein Mönch fragte Tozan: «Wenn Kälte und Hitze kommen, wie kann man ihnen ausweichen?»
Tozan antwortete: «Warum gehst du nicht an den Ort, wo es weder Kälte noch Hitze gibt?»
Der Mönch sagte: «Was ist das für ein Ort, wo es weder Kälte noch Hitze gibt?»
Tozan entgegnete: «Wenn es kalt ist, töte dich mit Kälte! Wenn es heiss ist, töte dich mit Hitze.»
Befreiung am Beispiel der Lehren des Hui Neng
Beurteilen und Bewerten fesselt uns an den Dualismus und das unterscheidende Denken. In der Praxis des Zen heisst es, diese Pole zu «vereinen» oder zu «übersteigen». Wir müssen es zu einer Einheit machen. Dies ist dann der Ort, wo es keine Kälte mehr gibt.
Hui Neng gibt uns in seinem Plattform-Sutra zwei wertvolle Übungen mit, die zu diesem Thema passen. Hui Neng sagt:
Betrachte alle Menschen, die guten wie die schlechten, ohne zu ergreifen oder abzulehnen.
Und ohne eine verunreinigende Anhaftung zu erzeugen.
Wenn du so die Menschen betrachtest, wird dein Geist wie leerer Raum sein.
Ungebunden an «Seinszustände», ohne Anhaften an den Sinnesbereichen, bedeutet, wie frei fliessendes Wasser zu sein.
Im Geistigen wie «leerer Raum» sein oder wie «frei fliessendes Wasser». Was für Bilder und Aussichten! Wie sieht die Welt aus, wenn mein Geist wie ein «leerer Raum» ist oder wenn ich «wie frei fliessendes Wasser» bin? Ich bin offen für das, was gerade entsteht, offen für den Moment. Ich gebe passende Antworten oder stelle gute Fragen. In jedem Moment denke ich je neu.
Und wie setze ich das jetzt um?
Betrachte alle Menschen, die guten wie die schlechten, ohne zu ergreifen oder abzulehnen.
- Du kannst diese Betrachtung als deine alltägliche Übung etablieren.
- Beobachte dich dabei, wie du Menschen ansiehst. Was fällt dir auf?
- Wie sind deine Gedanken, wenn dir ein Mensch auffällt?
- Fällt dir eine Eigenschaft auf, so sage dir: «Eine lange Nase ist lang, eine kurze Nase ist kurz – mehr aber auch nicht.»
- Falls du Schwierigkeiten mit jemandem hast, kannst du «liebevolle Güte» praktizieren. Sprich innerlich dann die folgenden Sätze:
Mögest du glücklich sein.
Mögest du gesund sein und frei von Leid.
Mögest du frei sein von Hass und Gier.
Mögest du voller Ruhe, Frieden und Gelassenheit sein.
Ungebunden an «Seinszustände», ohne Anhaften an den Sinnesbereichen, bedeutet, wie frei fliessendes Wasser zu sein.
- Mit den Seinszuständen sind «Hören», «Riechen», «Schmecken», «Gefühle und Emotionen» gemeint.
- Im Herzsutra heisst es: «Alle Dinge sind in Wahrheit leer.» Neben unseren Gedanken sind auch unsere Gefühle und Emotionen leer. Das heisst, sie verfügen über kein eigenständiges Sein, keinen Kern. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Mehr nicht. Es macht keinen Sinn, sich daran zu klammern und sie festhalten zu wollen.
- Denke darüber nach, was es heisst, dass deine Gefühle leer sind. Findest du etwas Beständiges?
Fazit
- Halt und Orientierung zu suchen, scheint ein Grundbedürfnis für uns Menschen zu sein. Wir sehnen uns nach Stabilität, die uns Geborgenheit und Sicherheit gibt.
- Dies ist gut nachzuvollziehen und verständlich.
- Jetzt kommt es aber darauf an, wo wir diesen Halt suchen und wie und wo wir uns verankern.
- Unser Leben ist mehrheitlich eingeengt und gefesselt durch Glaubenssätze, unpassende Lebensweisheiten und falsche Identifikationen. Diese können vererbt sein, oder wir haben sie im Laufe unseres Lebens gesammelt und bewahrt.
- Diese Fesseln machen uns unfrei und erlauben es uns nicht mehr, authentisch und spontan jeden Moment frei zu denken und frei zu handeln.
- Zen macht uns eindringlich darauf aufmerksam, diese Abhängigkeiten zu erkennen und zu beseitigen.
- Zen leitet uns an, in jedem Moment gegenwärtig zu leben und mit jedem Moment im Einklang zu stehen.
- Eine Übung, um in diesen Einklang zu kommen, ist es, darauf zu achten, mit welchen Augen wir diese Welt betrachten. Welche Bilder mache ich mir von meinen Mitmenschen? Bin ich in der Lage, sie vorurteilsfrei anzusehen und sie so anzunehmen, wie sie jetzt daherkommen?
- Eine weitere Übung ist es, nicht an den Seinszuständen zu haften. Das heisst, frei entscheiden und handeln zu können – unabhängig von meinen Gefühlen und Emotionen. Ein Weg dazu ist es, diese Gefühle und Emotionen als leer zu erkennen. Sie sind nicht das, was sie oberflächlich zu sein scheinen.
- Sie sind einfach leer. Gut ist, sie wahrzunehmen und dann auch wieder vergehen zu lassen. So, wie sie gekommen sind – als flüchtige Welle des lebendigen Ozeans.
Finden wir also «Halt» im Haltlosen, indem wir unsere ungeschickten Haltepunkte erkennen, aufgeben und loslassen, um uns neu im Haltlosen wie frei fliessendes Wasser bewegen zu können.
Gerne empfehle ich die Lektüre oder das Studium des Plattform-Sutras. In deutscher Sprache gibt es eine Version des Angkor Verlages. Übersetzung von G. Keller / T. Yamada. Angkor Verlag 2019. ISBN: 978-3-943839-54-8.
Bilder: Pixabay.
Über eine Rückmeldung oder einen Kommentar zu diesem Beitrag würde ich mich freuen.
Klaus-Peter Wichmann Zen-Lehrer der Glassman-Lassalle Linie kp-wichmann@parami.ch www.parami.ch
- April 2023
In diesem Impulsvortrag beschäftige ich mich mit dem Thema «Halt und Orientierung im Leben» und damit, wie ein solcher Halt gestaltet werden könnte. Angeregt zu diesem Thema wurde ich durch ein trauriges Ereignis bei uns in der Nachbarschaft. Die Frau eines betagten Ehemannes ist recht überraschend verstorben. Das Ehepaar war über 65 Jahre verheiratet, und beide sind in dieser Zeit zu einer festen Einheit geworden. Für den Ehemann ist es eine traurige Zeit; diese hatte er sich einfacher vorgestellt.
Erst jetzt merkt er, wie wichtig seine Frau in seinem Leben war. Eigentlich ging er davon aus, dass er wegen Vorerkrankungen zuerst gehen würde, und nun ging seine Frau voraus.
Wir haben unseren Nachbarn zu einem Nachtessen eingeladen. Bei diesem Treffen lernte ich unseren Nachbarn, seine Werte und Glaubenssätze besser kennen. Wichtig für ihn ist ein demokratisch orientiertes Miteinander in der Gesellschaft. Falls es zu einer Entscheidung gekommen ist, so ist diese zu respektieren, auch wenn sie mir nicht passt.
Kennengelernt habe ich auch einen Glaubenssatz von ihm, der sich so beschreiben lässt:
«Unsere Gesellschaft wird heute durch eine Koalition politischer Kräfte beherrscht, deren Ziel es ist, allen ihren Willen aufzudrücken und zu bestimmen, was politisch zu geschehen habe. Dies kann so nicht hingenommen werden, und wir werden uns dagegen wehren.»
Persönlicher Halt und Orientierung
Mir wurde klar, wie wichtig das Thema «Halt und Orientierung» für unseren Nachbarn ist. Er hat sich dazu entschieden, seinen Halt in einem Glaubenssatz zu finden. Ich umschreibe den Glaubenssatz jetzt mal so:
«Wichtig ist für mich, dass wir frei und ohne Einmischung von anderen unsere Entscheidungen unabhängig treffen können.»
Das Problematische an diesem Glaubenssatz ist für mich, dass wir nicht unabhängig voneinander leben. Ganz im Gegenteil: Alles ist mit allem verbunden, beeinflusst sich gegenseitig und ändert sich in gegenseitiger Abhängigkeit laufend. Dies ist das grundlegende Verständnis im Zen vom Leben in gegenseitiger Abhängigkeit und stetem Wandel.
Ein offenes Zuhören wird aus meiner Sicht durch Glaubenssätze verhindert beziehungsweise blockiert. Identifiziere ich mich persönlich mit diesen Glaubenssätzen, so wird es noch schwieriger. Diese Identifikation fördert, dass ich sie dann auch verteidige. Mein Urteil steht in Sekundenschnelle fest. Oft genügt es, ein bestimmtes Stichwort zu hören, das bei mir eine vorprogrammierte Reaktion auslöst. Damit übersehe ich die extrem hohe Komplexität bei der Meinungsfindung. Es wird sehr stark vereinfacht.
Diese Vereinfachung steht für «schnelles Denken» oder «musterhaftes Denken». Diese Denkart benötigt wenig Energie, da das Frontalgehirn nicht oder kaum beteiligt ist. Damit wird mein Verhalten «vorprogrammiert» und «festgefahren». Es fehlt mir dabei die Lebendigkeit. Wir werden so zu Robotern.
Geerbtes Grundverhalten der Menschen
In einem Seminar, das ich vor über 20 Jahren besucht hatte, wurde uns Folgendes mitgegeben. Wir Menschen verfügen über ein geerbtes Grundverhalten. Es ist geerbt, da wir es von unseren Eltern und Lehrern übernommen haben. Es sieht so aus:
- Beurteilen und Bewerten
- Immer gut aussehen wollen
- Recht haben wollen
- Dominieren
Das Beurteilen und Bewerten fesselt uns an den Dualismus und das unterscheidende Denken. Dazu gehören jeweils zwei Pole, die diametral gegenüberstehen und zusammengehören. Beispiele: «klein und gross» oder «Liebe und Hass». Wichtig dabei ist es, dass es das Eine nicht ohne das «Andere» geben kann. Etwas ist klein, weil etwas anderes als gross angesehen wird. Dies ist der Charakter des unterscheidenden Denkens. Wichtig ist:
«Wer einen Pol stärkt, belebt gleichzeitig den anderen Pol.»
Goethe hat dies im «Faust» so ausgedrückt:
«Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.»
Nach seiner Rückkehr aus China hat Dōgen Zenji den Satz geprägt:
«Augen horizontal – Nase vertikal.»
Damit ist gemeint: Ein Phänomen ist in seinen Eigenschaften das, was es ist. Aber auch nicht mehr. Dies kann uns weiterhelfen, etwas so zu akzeptieren, wie es im Moment erscheint. Für unsere Zen-Praxis ist dies eine wichtige Lehre und Übung.
Wenn wir diese Übung fortwährend anwenden, so schwächen wir gleichzeitig unser fortwährendes Beurteilen und Bewerten, und wir können uns so von dieser Fessel befreien. Eng verknüpft damit ist unsere Neigung, für etwas eine Vorliebe beziehungsweise eine Abneigung zu haben. Es gibt dazu ein schönes Koan im Hekiganroku, Fall 43. Dieses lautet so:
Ein Mönch fragte Tozan: «Wenn Kälte und Hitze kommen, wie kann man ihnen ausweichen?»
Tozan antwortete: «Warum gehst du nicht an den Ort, wo es weder Kälte noch Hitze gibt?»
Der Mönch sagte: «Was ist das für ein Ort, wo es weder Kälte noch Hitze gibt?»
Tozan entgegnete: «Wenn es kalt ist, töte dich mit Kälte! Wenn es heiss ist, töte dich mit Hitze.»
Befreiung am Beispiel der Lehren des Hui Neng
Beurteilen und Bewerten fesselt uns an den Dualismus und das unterscheidende Denken. In der Praxis des Zen heisst es, diese Pole zu «vereinen» oder zu «übersteigen». Wir müssen es zu einer Einheit machen. Dies ist dann der Ort, wo es keine Kälte mehr gibt.
Hui Neng gibt uns in seinem Plattform-Sutra zwei wertvolle Übungen mit, die zu diesem Thema passen. Hui Neng sagt:
Betrachte alle Menschen, die guten wie die schlechten, ohne zu ergreifen oder abzulehnen.
Und ohne eine verunreinigende Anhaftung zu erzeugen.
Wenn du so die Menschen betrachtest, wird dein Geist wie leerer Raum sein.
Ungebunden an «Seinszustände», ohne Anhaften an den Sinnesbereichen, bedeutet, wie frei fliessendes Wasser zu sein.
Im Geistigen wie «leerer Raum» sein oder wie «frei fliessendes Wasser». Was für Bilder und Aussichten! Wie sieht die Welt aus, wenn mein Geist wie ein «leerer Raum» ist oder wenn ich «wie frei fliessendes Wasser» bin? Ich bin offen für das, was gerade entsteht, offen für den Moment. Ich gebe passende Antworten oder stelle gute Fragen. In jedem Moment denke ich je neu.
Und wie setze ich das jetzt um?
Betrachte alle Menschen, die guten wie die schlechten, ohne zu ergreifen oder abzulehnen.
- Du kannst diese Betrachtung als deine alltägliche Übung etablieren.
- Beobachte dich dabei, wie du Menschen ansiehst. Was fällt dir auf?
- Wie sind deine Gedanken, wenn dir ein Mensch auffällt?
- Fällt dir eine Eigenschaft auf, so sage dir: «Eine lange Nase ist lang, eine kurze Nase ist kurz – mehr aber auch nicht.»
- Falls du Schwierigkeiten mit jemandem hast, kannst du «liebevolle Güte» praktizieren. Sprich innerlich dann die folgenden Sätze:
Mögest du glücklich sein.
Mögest du gesund sein und frei von Leid.
Mögest du frei sein von Hass und Gier.
Mögest du voller Ruhe, Frieden und Gelassenheit sein.
Ungebunden an «Seinszustände», ohne Anhaften an den Sinnesbereichen, bedeutet, wie frei fliessendes Wasser zu sein.
- Mit den Seinszuständen sind «Hören», «Riechen», «Schmecken», «Gefühle und Emotionen» gemeint.
- Im Herzsutra heisst es: «Alle Dinge sind in Wahrheit leer.» Neben unseren Gedanken sind auch unsere Gefühle und Emotionen leer. Das heisst, sie verfügen über kein eigenständiges Sein, keinen Kern. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Mehr nicht. Es macht keinen Sinn, sich daran zu klammern und sie festhalten zu wollen.
- Denke darüber nach, was es heisst, dass deine Gefühle leer sind. Findest du etwas Beständiges?
Fazit
- Halt und Orientierung zu suchen, scheint ein Grundbedürfnis für uns Menschen zu sein. Wir sehnen uns nach Stabilität, die uns Geborgenheit und Sicherheit gibt.
- Dies ist gut nachzuvollziehen und verständlich.
- Jetzt kommt es aber darauf an, wo wir diesen Halt suchen und wie und wo wir uns verankern.
- Unser Leben ist mehrheitlich eingeengt und gefesselt durch Glaubenssätze, unpassende Lebensweisheiten und falsche Identifikationen. Diese können vererbt sein, oder wir haben sie im Laufe unseres Lebens gesammelt und bewahrt.
- Diese Fesseln machen uns unfrei und erlauben es uns nicht mehr, authentisch und spontan jeden Moment frei zu denken und frei zu handeln.
- Zen macht uns eindringlich darauf aufmerksam, diese Abhängigkeiten zu erkennen und zu beseitigen.
- Zen leitet uns an, in jedem Moment gegenwärtig zu leben und mit jedem Moment im Einklang zu stehen.
- Eine Übung, um in diesen Einklang zu kommen, ist es, darauf zu achten, mit welchen Augen wir diese Welt betrachten. Welche Bilder mache ich mir von meinen Mitmenschen? Bin ich in der Lage, sie vorurteilsfrei anzusehen und sie so anzunehmen, wie sie jetzt daherkommen?
- Eine weitere Übung ist es, nicht an den Seinszuständen zu haften. Das heisst, frei entscheiden und handeln zu können – unabhängig von meinen Gefühlen und Emotionen. Ein Weg dazu ist es, diese Gefühle und Emotionen als leer zu erkennen. Sie sind nicht das, was sie oberflächlich zu sein scheinen.
- Sie sind einfach leer. Gut ist, sie wahrzunehmen und dann auch wieder vergehen zu lassen. So, wie sie gekommen sind – als flüchtige Welle des lebendigen Ozeans.
Finden wir also «Halt» im Haltlosen, indem wir unsere ungeschickten Haltepunkte erkennen, aufgeben und loslassen, um uns neu im Haltlosen wie frei fliessendes Wasser bewegen zu können.
Gerne empfehle ich die Lektüre oder das Studium des Plattform-Sutras. In deutscher Sprache gibt es eine Version des Angkor Verlages. Übersetzung von G. Keller / T. Yamada. Angkor Verlag 2019. ISBN: 978-3-943839-54-8.
Bilder: Pixabay.
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Klaus-Peter Wichmann Zen-Lehrer der Glassman-Lassalle Linie kp-wichmann@parami.ch www.parami.ch
- April 2023