Was ist Zen?
Zen ist ein Weg der Übung und der unmittelbaren Erfahrung.
Im Zentrum steht nicht das Nachdenken über das Leben, sondern das wache Da-Sein im Leben selbst. Wir sitzen in Stille, folgen dem Atem, nehmen wahr, was geschieht, und üben, nicht an jedem Gedanken und jedem inneren Impuls festzuhalten.
Zen ist einfach – aber nicht oberflächlich.
Es führt uns zurück zu etwas Grundlegendem:
- zur Gegenwart dieses Augenblicks,
- zum Körper,
- zum Atem,
- zur Wirklichkeit, bevor wir sie sofort benennen, bewerten oder in Geschichten verwandeln.
Zen fragt nicht zuerst: Was denke ich über das Leben?
Zen fragt: Was ist jetzt?
Was geschieht in mir?
Wie bin ich da?
Kann ich wahrnehmen, ohne sofort zu greifen oder abzuwehren?
Darin liegt etwas sehr Schlichtes und zugleich etwas Anspruchsvolles. Denn der Geist ist gewohnt, unaufhörlich zu kommentieren, zu vergleichen, zu planen, zu beurteilen. In der Zen-Praxis lernen wir allmählich, dies zu bemerken und nicht jedem inneren Impuls folgen zu müssen.
So kann sich mit der Zeit eine andere Qualität zeigen: mehr Präsenz, mehr Einfachheit und ein stilleres, unmittelbares Sehen.
Warum Menschen Zen üben
Menschen finden aus sehr verschiedenen Gründen zum Zen.
Einige suchen Ruhe in einer unruhigen Zeit.
Andere möchten sich besser kennenlernen.
Wieder andere spüren eine spirituelle Sehnsucht, ohne sich vorschnell mit fertigen Antworten zufriedenzugeben.
Zen kann helfen,
- sich zu sammeln,
- klarer zu sehen,
- mit Gedanken und Gefühlen anders umzugehen
- und dem eigenen Leben mit mehr Präsenz zu begegnen.
Dabei geht es nicht um Selbstoptimierung.
Zen ist kein Leistungsprogramm. Es geht nicht darum, ein besonderer Mensch zu werden, sondern darum, wirklich da zu sein.
Viele erfahren mit der Zeit:
Wenn der Geist etwas stiller wird,
wenn der Atem ruhiger fliesst,
wenn wir nicht jedem inneren Bild sofort folgen,
dann zeigt sich das Leben schlichter und wirklicher.
Nicht immer geschieht das sofort. Auch Unruhe, Müdigkeit, Zweifel oder Widerstand gehören zum Weg. Gerade deshalb beginnt Zen nicht mit Perfektion, sondern mit Übung.
Zen ist kein Weg, um jemand anders zu werden.
Es ist ein Weg, diesem Leben wacher zu begegnen.
Haltung und Sitzen
Äussere Haltung – innere Haltung
In der Zen-Praxis spielt die Haltung des Körpers eine wichtige Rolle. Wie wir sitzen, atmen und uns im Raum verhalten, bleibt nicht äusserlich. Die äussere Haltung wirkt auf die innere Haltung zurück.
Die Haltung beim Sitzen soll weder starr noch schlaff sein. Sie ist gespannt, aber nicht verspannt, gelöst, aber nicht aufgelöst. So kann der Körper zur Ruhe kommen, ohne an Wachheit zu verlieren.
Diese Verbindung von aussen und innen ist für viele Menschen eine wichtige Erfahrung. Wenn der Körper zur Ruhe kommt, kann auch der Geist stiller werden. Wenn wir uns aufrichten, verändert sich oft auch etwas in unserer inneren Präsenz. Wenn wir nicht zusammensinken, nicht ausweichen und nicht in Unruhe zerfallen, entsteht leichter eine Haltung von Würde und Klarheit.
Im Zen suchen wir deshalb keine spektakuläre Körperform. Entscheidend ist eine Haltung, die tragfähig ist. Sie soll das Sitzen unterstützen und zugleich einen stillen, wachen Geist begünstigen.
Auch darin liegt schon Übung: sich aufzurichten, ohne sich zu verhärten; loszulassen, ohne in sich zusammenzufallen; da zu sein, ohne etwas darstellen zu müssen.
Gespannt, aber nicht verspannt.
Gelöst, aber nicht aufgelöst.
Der Sitzplatz
Nicht jeder Mensch sitzt gleich. Körperbau, Beweglichkeit, Alter und Gewohnheiten sind verschieden. Darum gibt es in der Zen-Praxis verschiedene Möglichkeiten zu sitzen: auf dem Kissen, auf dem Bänkchen oder auf dem Stuhl.
Wichtig ist nicht, eine besonders anspruchsvolle Form zu erreichen. Wichtig ist, einen Sitz zu finden, der stabil, aufrecht und für eine gewisse Zeit gut tragbar ist.
Für viele Menschen ist das Kissen ein guter Sitzplatz, weil es hilft, das Becken leicht nach vorne zu kippen und eine aufgerichtete Haltung zu finden. Andere sitzen auf einem Meditationsbänkchen angenehmer. Wieder andere brauchen einen Stuhl, etwa wegen Knie-, Hüft- oder Rückenbeschwerden. Auch das ist eine vollwertige Form der Praxis.
Der Sitzplatz soll helfen, drei Dinge zu ermöglichen:
- eine stabile Basis,
- eine aufgerichtete Wirbelsäule
- und eine ruhige, natürliche Atmung.
Es lohnt sich, den Sitzplatz sorgfältig einzurichten. Ein zu niedriges Kissen, ein unsicheres Bänkchen oder ein ungeeigneter Stuhl erschweren die Übung unnötig. Ein gut gewählter Sitz unterstützt dagegen Sammlung und Ruhe.
Ob Kissen, Bänkchen oder Stuhl:
wichtig ist ein Sitz,
der Stabilität und Präsenz ermöglicht.
Sitzen auf dem Kissen oder Bänkchen
Wer auf dem Kissen sitzt, sollte darauf achten, dass das Becken erhöht ist. So kann es sich etwas nach vorne neigen, und die Wirbelsäule richtet sich leichter auf. Ideal ist ein stabiler Sitz, bei dem das Gewicht gut getragen wird und der Körper nicht ständig nach einer besseren Position suchen muss.
Beim Sitzen auf dem Kissen sitzt man am besten auf dessen vorderem Drittel. So kann sich das Becken leicht nach vorne kippen, und die Wirbelsäule findet leichter in eine aufgerichtete Haltung. Gesäss und Knie bilden dabei eine stabile Basis. Je nach Beweglichkeit kann man im halben Lotussitz oder auch im burmesischen Sitz sitzen. Entscheidend ist nicht die Bezeichnung, sondern die Stabilität und Schlichtheit der Haltung.
Auch auf dem Bänkchen geht es um denselben Grundgedanken: eine tragfähige, aufrechte und würdige Sitzhaltung. Die Knie ruhen auf der Unterlage, das Gewicht wird gleichmässig getragen, und die Wirbelsäule kann sich ohne Verkrampfung aufrichten.
Hilfreich ist, sich vor dem Sitzen einen Moment Zeit zu nehmen, um den Platz einzurichten. Schon wenige kleine Korrekturen können viel verändern: die Höhe des Kissens, die Stellung der Knie, die Entfernung zwischen Kissen und Bänkchen, die Unterlage unter den Beinen.
Wenn die Basis stimmt, wird der Körper ruhiger. Und wenn der Körper ruhiger wird, muss auch der Geist nicht dauernd neu reagieren.
Sitzen auf dem Stuhl
Nicht alle Menschen können oder möchten auf dem Boden sitzen. Der Stuhl ist deshalb keine Notlösung, sondern eine ernstzunehmende und vollwertige Form des Zazen.
Wichtig ist, auf dem Stuhl möglichst frei und aufgerichtet zu sitzen. Die Füsse stehen gut auf dem Boden. Die Knie bilden einen stabilen Winkel. Das Becken trägt den Oberkörper, und die Wirbelsäule richtet sich auf, ohne dass man sich an die Lehne hängen muss.
Wenn möglich sitzt man eher auf der vorderen Hälfte der Sitzfläche. Das Gesäss soll sich etwas höher als die Knie befinden. So bleibt der Rücken aktiver und der Atem freier. Wer sich stark anlehnt, sinkt oft leichter ein oder verliert die innere Wachheit.
Auch auf dem Stuhl gilt: Nicht Bequemlichkeit ist das Ziel, sondern eine Haltung, die Ruhe und Präsenz unterstützt. Zugleich soll der Sitz dem Körper angepasst sein. Wenn nötig kann eine Decke untergelegt oder die Sitzhöhe angepasst werden. Manchmal hilft auch eine kleine Unterlage unter den Füssen.
Entscheidend ist, dass der Sitz nicht zur ständigen Ablenkung wird. Wenn der Körper gut getragen wird, kann sich die Aufmerksamkeit leichter sammeln.
Füsse
Die Körperhaltung im Detail
Beim Zazen geht es nicht nur darum, überhaupt zu sitzen, sondern so zu sitzen, dass der Körper Ruhe, Aufrichtung und Wachheit unterstützen kann.
Die Wirbelsäule richtet sich natürlich auf. Sie soll weder steif gemacht noch in sich zusammensinken. Der Kopf ist eine Verlängerung der Wirbelsäule, das Kinn leicht zurückgenommen.
Die Schultern sinken locker nach unten. Sie werden nicht hochgezogen und nicht künstlich nach hinten gedrückt. Auch der Brustraum bleibt frei: offen, aber nicht gespannt.
Die Hände ruhen in der klassischen Meditationshaltung im Schoss. Eine Hand liegt in der anderen, die linke auf der rechten Hand, die Daumenspitzen berühren sich leicht. Die Hände bilden eine ruhige Form, ohne Druck und ohne Nachlässigkeit.
Die Augen bleiben leicht geöffnet. Der Blick ist gesenkt und weich. Er sucht nichts und haftet an nichts. So bleibt die Haltung wach und gegenwärtig.
Auch der Mund ist entspannt. Die Lippen sind geschlossen oder leicht aneinandergelegt. Der Atem fliesst ruhig durch die Nase.
Es geht nicht darum, jede Einzelheit kontrollieren zu wollen. Aber es lohnt sich, diese Haltungsmerkmale immer wieder zu prüfen.
Atem und Sammlung
Der Atem spielt in der Zen-Praxis eine wichtige Rolle. Er muss nicht künstlich vertieft oder besonders kontrolliert werden. Es genügt, ihn wahrzunehmen und immer wieder zu ihm zurückzukehren.
Wenn wir still sitzen, wird der Atem oft von selbst ruhiger. Er kommt und geht. Er trägt den Körper. Er verbindet innen und aussen. Darum ist er ein natürlicher Anker für die Sammlung.
Gerade am Anfang hilft es, die Aufmerksamkeit immer wieder sanft auf die Ausatmung oder auf den ganzen Atemfluss zu lenken. Das bedeutet nicht, dass keine Gedanken mehr auftauchen dürften. Aber der Atem gibt der Aufmerksamkeit eine einfache und verlässliche Richtung.
Am Anfang der Praxis ist es passend die Atemzüge zu zählen. Das kann helfen, den Geist zu sammeln. Man zählt still die Ausatmungen von eins bis zehn und beginnt dann wieder von vorn. Wenn man sich verzählt oder in Gedanken verloren hat, beginnt man einfach wieder bei eins. Ohne Ärger, ohne Bewertung.
Mit der Zeit wird auch das Zählen weniger wichtig. Dann genügt es, beim blossen Atmen zu bleiben. Der Atem wird nicht festgehalten und nicht gemacht. Er wird wahrgenommen.
So kann allmählich Sammlung entstehen: nicht als Leistung, sondern als Folge davon, dass wir immer wieder zurückkehren.
Immer wieder zum Atem zurückkehren:
nicht als Technik,
sondern als einfaches Heimkommen.
Umgang mit Gedanken, Schmerzen und Müdigkeit
Gedanken, Gefühle und innere Unruhe
Wer mit dem Sitzen beginnt, bemerkt oft rasch, wie unruhig der Geist ist. Gedanken tauchen auf, Erinnerungen melden sich, Gefühle werden spürbar, Pläne drängen sich in den Vordergrund. Das ist nicht ungewöhnlich. Es ist vielmehr ein Teil der Erfahrung.
Zen bedeutet nicht, den Geist mit Gewalt leer zu machen. Es geht auch nicht darum, Gedanken als Fehler zu behandeln. Entscheidend ist vielmehr, dass wir bemerken, was geschieht, ohne uns darin zu verlieren.
Da ist ein Gedanke.
Da ist eine Erinnerung.
Da ist ein inneres Gespräch.
Da ist Unruhe.
Da ist vielleicht auch Freude, Ärger, Sorge oder Müdigkeit.
Die Übung besteht darin, dies wahrzunehmen und nicht jedem inneren Impuls folgen zu müssen. Wir müssen es nicht festhalten. Wir müssen aber auch es nicht bekämpfen. Beides bindet unnötig Kraft.
Darum kehren wir immer wieder zurück: zum Sitzen, zum Körper, zum Atem, zum blossen Dasein in diesem Augenblick.
Mit der Zeit kann sich dadurch eine neue Beziehung zu Gedanken und Gefühlen entwickeln. Sie sind weiterhin da, aber sie bestimmen nicht mehr automatisch jede Bewegung. Zwischen dem Auftauchen eines Impulses und unserem Reagieren entsteht etwas mehr Raum.
Nicht festhalten.
Nicht wegdrücken.
Wahrnehmen und zurückkehren.
Schmerzen, Müdigkeit und Widerstände
Beim Sitzen tauchen nicht nur Gedanken auf. Auch der Körper meldet sich. Knie können schmerzen, der Rücken kann müde werden, die Schultern spannen sich an, die Haltung wird unsicher. Dazu kommen manchmal Müdigkeit, Unlust oder innerer Widerstand.
All das gehört zur Praxis. Es ist nicht aussergewöhnlich und nicht unbedingt ein Zeichen, dass etwas falsch läuft. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.
Schmerzen sollten weder heroisch ertragen noch sofort dramatisiert werden. Oft hilft es, die Haltung sorgfältig zu überprüfen: Sitze ich stabil? Ist das Kissen passend? Bin ich zusammengesunken? Ist der Stuhl geeignet? Zugleich ist es wichtig, den Körper ernst zu nehmen. Nicht jeder Schmerz soll einfach ignoriert werden. Manchmal ist eine Anpassung notwendig. Zen bedeutet nicht, sich zu überfordern.
Auch Müdigkeit ist häufig. Gerade wenn es still wird, merken wir, wie erschöpft oder zerstreut wir eigentlich sind. Dann hilft oft, die Haltung neu aufzurichten, den Blick zu klären und den Atem wieder bewusst wahrzunehmen.
Widerstände gehören ebenfalls dazu. Manchmal möchten wir lieber aufstehen, uns bewegen oder innerlich ausweichen. Auch das kann bemerkt werden. Schon darin liegt Übung: nicht jedem Impuls sofort nachzugeben.
Im Sitzen lernen wir allmählich, zwischen Härte und Nachgiebigkeit einen guten Weg zu finden. Die Haltung soll tragfähig sein, die Übung ernsthaft, aber nicht gewaltsam.
Kinhin – die Gehmeditation
Zu Beginn des Kinhin formt man die Hände zum Gassho und verneigt sich leicht. Dann steht man auf und nimmt die Kinhin-Haltung der Hände ein: die rechte Hand umschliesst den rechten Daumen und die linke Hand liegt auf der rechte in Brusthöhe; die Unterarme bleiben dabei ungefähr parallel zum Boden.
Der Blick bleibt weich und gesammelt. Man geht aufmerksam und ohne Hast. In der Gruppe ist es wichtig, den gemeinsamen Rhythmus aufzunehmen und keine grossen Lücken entstehen zu lassen. Am Beginn des Kinhin dreht man sich nach links und beginnt dann langsam, aber sofort im vorgegebenen Tempo zu gehen.
Auch im Gehen gilt, was schon für das Sitzen wichtig war: nicht verkrampfen, nicht zerfallen. Die Haltung ist aufgerichtet, die Schritte sind bewusst, der Atem bleibt natürlich. Man muss kein besonderes Gefühl herstellen. Es genügt, beim Gehen nur zu gehen.
Das Ende des Kinhin wird mit dem Schlagen der Hölzer angekündigt. Dann kehrt man gesammelt an den eigenen Platz zurück, verbeugt sich mit der Sangha und richtet sich wieder zum Sitzen ein. Auch dieser Übergang gehört zur Form. Er hilft, dass die Bewegung nicht abrupt aus der Sammlung herausfällt.
Das Zendo und seine Formen
Das Zendo als Übungsraum
Das Zendo ist der Raum, in dem die gemeinsame Zen-Praxis stattfindet. Es ist mehr als ein gewöhnlicher Aufenthaltsraum. Die Stille, die Formen und die Art, wie wir uns dort bewegen, helfen, Sammlung zu fördern und die Aufmerksamkeit zu vertiefen.
Darum hat das Verhalten im Zendo eine äussere Form. Diese Form ist nicht bloss Tradition um der Tradition willen. Sie schafft einen Rahmen, in dem viele Menschen gemeinsam üben können, ohne sich gegenseitig unnötig zu stören. Die Strukturen und die Disziplin des Zen haben einen einzigen Zweck: Still zu werden und sich auf die Übung einzulassen.
Wer ein Zendo betritt, betritt deshalb nicht einfach nur einen Raum, sondern einen Übungsraum. Achtsamkeit beginnt bereits an der Schwelle: beim Eintreten, beim Gehen zum Platz, beim Verbeugen, beim Hinsetzen. Nach dem Überschreiten der Schwelle verbeugt man sich nach vorne, dann vor dem Sitzkissen und anschliessend zur Sangha.
Für viele Menschen wirkt diese Form zunächst ungewohnt. Mit der Zeit zeigt sich jedoch oft, dass gerade die Schlichtheit und Wiederholung der Formen entlastend sein können. Man muss nicht dauernd neu entscheiden, wie man sich verhalten soll. Die Form trägt mit.
Das Zendo erinnert uns damit an etwas Wesentliches: Übung geschieht nicht nur innen, sondern auch im Umgang mit Raum, Körper, Zeit und Gemeinschaft.
Die Form des Raumes
unterstützt die Sammlung des Geistes.
Verhalten im Zendo
Im Zendo hilft ein achtsames und schlichtes Verhalten der gemeinsamen Praxis. Vieles, was äusserlich klein erscheint, hat eine Wirkung auf die Atmosphäre des Raumes.
Dazu gehört, ruhig einzutreten, sich zu verbeugen, den eigenen Platz sorgfältig einzunehmen und unnötige Bewegungen zu vermeiden. Wer im Zendo sitzt, geht oder steht, tut dies nicht nur für sich selbst. Die gemeinsame Form schützt die Sammlung aller.
Auch persönliche Gegenstände sollten nicht unnötig im Raum verteilt sein. Das Zendo ist kein Ort für private Ablage, sondern ein Raum der Übung. Handys bleiben ausgeschaltet und ausser Sicht. Der äussere Verzicht auf Ablenkung unterstützt die innere Sammlung.
Verbeugungen und Gassho gehören ebenfalls zu dieser Form. Sie sind nicht als Unterwerfung zu verstehen, sondern als Ausdruck von Respekt, Aufmerksamkeit und Verbundenheit: gegenüber dem Raum, der Praxis, den anderen Übenden und dem, was uns trägt.
Mit der Zeit wird diese Form meist einfacher. Was anfangs fremd oder förmlich erscheinen mag, wird allmählich zu einer stillen Hilfe. Die äussere Ordnung schafft Ruhe. Und Ruhe hilft, wirklich da zu sein.
Gassho, Rezitation und die vier grossen Versprechen
Gassho und Verbeugung
Im Zen spielen Gassho und Verbeugung eine wichtige Rolle. Für Menschen, die zum ersten Mal mit Zen in Berührung kommen, wirken diese Formen manchmal ungewohnt. Darum ist es hilfreich, ihren Sinn zu verstehen.
Gassho ist die Haltung der aneinandergelegten Hände vor der Brust. Diese Geste sammelt den Körper, bringt die Aufmerksamkeit in die Mitte und drückt zugleich Respekt aus. Sie ist schlicht und still. Gerade deshalb hat sie eine besondere Kraft.
Auch die Verbeugung gehört zu dieser Form. Sie ist nicht als Unterwerfung zu verstehen. Im Zen bedeutet Verbeugung eher: innehalten, sich ausrichten, sich erinnern, dass wir nicht nur um uns selbst kreisen. Wir verbeugen uns vor dem Raum der Übung, vor der Sangha, vor der Überlieferung und vor dem Leben selbst.
Gassho und Verbeugung begleiten das gemeinsame Üben an vielen Stellen: beim Betreten des Zendo, vor dem Sitzplatz, gegenüber der Sangha, beim Beginn und Ende von Kinhin, bei Dokusan und bei der Rezitation.
Für Anfängerinnen und Anfänger ist es nicht nötig, jede Einzelheit sofort sicher zu beherrschen. Wichtiger ist, die Grundhaltung zu verstehen: Sammlung, Respekt und Achtsamkeit.
Mit der Zeit können Gassho und Verbeugung etwas sehr Einfaches werden. Sie helfen, den Körper in die Übung einzubeziehen und nicht nur mit dem Kopf bei der Sache zu sein.
Verbeugung heisst nicht:
sich kleiner machen.
Sie heisst: still werden und sich ausrichten.
Rezitation und Sutren
Zen ist nicht nur stille Meditation. Zur Praxis gehören auch Rezitationen. Gemeinsam gesprochene Texte, Verse und Sutren sind ein fester Bestandteil vieler Zen-Formen.
Für westliche Menschen ist das manchmal überraschend. Man verbindet Zen oft vor allem mit Stille und Sitzen. Doch gerade die Rezitation zeigt, dass Zen auch eine gemeinschaftliche und überlieferte Praxis ist. Stimme, Atem und Körper wirken dabei zusammen.
Wenn wir rezitieren, geht es nicht in erster Linie um ein blosses Aufsagen von Worten. Entscheidend ist vielmehr, dass wir mit dem ganzen Körper sprechen: gesammelt, aufmerksam und gemeinsam. Die Rezitation trägt durch Rhythmus, Klang und Wiederholung. Auch hier wirkt die äussere Form auf die innere Haltung zurück.
Sutren sind Texte der buddhistischen Überlieferung. Manche sind alt und dicht, manche sehr kurz und unmittelbar. Nicht alles muss sofort vollständig verstanden werden. Oft erschliesst sich der Sinn mit der Zeit tiefer, gerade durch wiederholtes Sprechen und Hören.
Im Rezitieren
sprechen nicht nur Worte.
Auch Atem, Haltung und Gemeinschaft sprechen mit.
Die vier grossen Versprechen
Am Morgen und zum Tageschluss werden die vier grossen Versprechen rezitiert. Sie gehören zu den bekanntesten Texten der Mahayana-Tradition und geben der Praxis eine klare Ausrichtung.
Die Wesen sind zahllos,
ich gelobe, sie alle zu retten.Täuschende Gedanken und Gefühle sind grenzenlos,
ich gelobe, sie alle zu lassen.Die Dharma-Lehren sind unzählbar,
ich gelobe, sie alle zu lernen.Der Weg der Erkenntnis ist unübertroffen,
ich gelobe, ihn zu erreichen.
Diese Verse sind nicht als persönliches Leistungsprogramm zu verstehen. Niemand kann alle Wesen „retten“ oder alle Verblendungen restlos beseitigen. Gerade in ihrer Unendlichkeit verweisen die Versprechen auf die Weite des Weges.
Sie erinnern daran, dass Zen nicht nur um das eigene Wohlbefinden kreist. Die Übung öffnet sich auf Mitgefühl, Verantwortung und Verbundenheit hin. Die vier Versprechen stehen in enger Verbindung mit den vier edlen Wahrheiten und dem achtfachen Pfad. Die Versprechen fassen den Weg nicht abstrakt zusammen, sondern verankern ihn in Übung und Haltung.
Wer sie rezitiert, muss sie nicht „beherrschen“. Es genügt, sich ihnen auszusetzen und allmählich zu spüren, in welche Richtung sie weisen.
Die vier grossen Versprechen
beschreiben keinen erreichbaren Besitz,
sondern die Richtung des Weges.
Kurze Auslegung der vier grossen Versprechen
Die vier grossen Versprechen können als eine Art Herzformel des Zen-Weges verstanden werden.
Das erste Versprechen richtet den Blick auf alle Wesen. Es erinnert daran, dass Übung nicht nur Selbstbesinnung ist, sondern immer auch mit Mitgefühl verbunden bleibt.
Das zweite Versprechen spricht von täuschenden Gedanken oder auch von Verblendungen. Gemeint sind nicht nur grobe Fehler oder moralische Schwächen, sondern auch die vielen Weisen, in denen wir uns täuschen, verfangen, festhalten oder ausweichen. Die Praxis hilft, dies klarer zu sehen.
Das dritte Versprechen spricht von den Dharma-Lehren. Damit ist gemeint, dass die Wirklichkeit auf unzählige Weise aufgehen kann: im Sitzen, im Hören, im Leiden, in der Begegnung, in einem einzigen klaren Augenblick.
Das vierte Versprechen weist auf den Buddha-Weg selbst. Er ist nicht etwas, das wir irgendwann besitzen. Er ist der Weg, den wir gehen, immer wieder neu und oft in sehr schlichten Formen.
So führen die vier Versprechen die Zen-Praxis über das rein Persönliche hinaus. Sie verbinden Stille mit Mitgefühl, Einsicht mit Hingabe und die eigene Übung mit einer grösseren Verantwortung.
Dokusan – das persönliche Gespräch
Zum Zen gehört nicht nur das Sitzen in der Gruppe, sondern auch das persönliche Gespräch mit der Lehrperson. Dieses Gespräch wird Dokusan (Einzelgespräch) genannt.
Für viele Anfängerinnen und Anfänger ist das zunächst ungewohnt. Man sitzt nicht einfach still für sich, sondern es gibt auch einen Raum für direkte Begegnung, für Fragen, für Klärung und manchmal auch für eine sehr persönliche Rückmeldung zur Praxis.
Dokusan ist keine Prüfung. Es geht nicht darum, etwas vorzuweisen oder „gut“ zu sein. Es geht auch nicht darum, besonders interessante Gedanken zu präsentieren. Im Zentrum steht vielmehr die Frage: Was zeigt sich in der Übung? Wo gibt es Unklarheit? Was hilft, den Weg ehrlicher und konkreter zu gehen?
Manchmal geht es im Dokusan um ganz praktische Dinge: um die Sitzhaltung, den Atem, Schmerzen, Müdigkeit oder Schwierigkeiten mit der Form. Manchmal geht es eher um innere Fragen: um Zweifel, um Erfahrungen im Sitzen, um das rechte Verstehen eines Textes oder einer Übung.
Gerade weil Zen ein Weg der Erfahrung ist, braucht es Orte der Klärung. Das persönliche Gespräch kann helfen, Missverständnisse zu vermeiden, sich selbst nicht im Kreis zu drehen und die Praxis nicht nur nach den eigenen Gewohnheiten zu deuten.
Dokusan ist damit ein Ausdruck der Beziehung zwischen Praxis, Lehrperson und Lernweg. Es gehört nicht nebenbei dazu, sondern kann für viele Menschen ein wichtiger Teil der Vertiefung werden.
Dokusan ist kein Test.
Es ist ein Raum
für Klärung und Begegnung.
Wie Dokusan praktisch abläuft
Auch beim Dokusan gibt es eine äussere Form. Sie hilft, das Gespräch in Sammlung und Schlichtheit zu halten.
Ablauf: Wenn man an der Reihe ist, geht man aufmerksam zum Dokusan-Raum, verbeugt sich beim Eintreten und nimmt den zugewiesenen Platz ein. Nach dem Gespräch verbeugt man sich erneut und kehrt gesammelt an seinen Platz zurück.
Für Anfängerinnen und Anfänger ist es nicht nötig, alle Einzelheiten sofort perfekt zu kennen. Wichtiger ist, ruhig zu kommen, aufmerksam zu sein und sich auf die Begegnung einzulassen.
Hilfreich ist auch, innerlich schlicht zu bleiben. Dokusan verlangt keine kunstvollen Formulierungen. Oft ist es am besten, direkt zu sagen, was wirklich da ist: eine Frage, eine Unsicherheit, eine Erfahrung, eine Schwierigkeit.
Das Gespräch selbst ist meist kurz und konzentriert. Gerade darin liegt seine Kraft. Es geht nicht darum, alles zu besprechen, sondern das Wesentliche zu berühren.
Wer zum ersten Mal Dokusan hat, darf durchaus unsicher sein. Diese Unsicherheit gehört oft dazu. Mit der Zeit wird die Form vertrauter, und das Gespräch kann zu einem Ort werden, an dem Praxis wirklich persönlich und konkret wird.
Geschichte, Linie und Zen im Westen
Eine kurze Geschichte des Zen
Zen hat eine lange Geschichte. Seine Wurzeln liegen in der buddhistischen Überlieferung, die auf Buddha Shakyamuni zurückgeht. Von Indien aus verbreitete sich der Buddhismus über viele Jahrhunderte weiter nach China, Japan und später in den Westen.
In China entstand aus der Begegnung buddhistischer Lehre mit chinesischer Kultur jene Form, die Chan genannt wurde. Daraus entwickelte sich später das, was in Japan Zen heisst. Obwohl sich Formen, Sprachen und kulturelle Ausdrucksweisen veränderten, blieb ein Grundzug erhalten: die Betonung unmittelbarer Erfahrung, Übung und Verwirklichung im eigenen Leben.
Zen ist also nicht einfach eine Sammlung alter Texte oder historischer Lehren. Es ist eine lebendige Überlieferung, die von Lehrenden und Übenden über Generationen weitergegeben wurde. Darum spielen Linie, Praxisformen und konkrete Übungsgemeinschaften bis heute eine wichtige Rolle.
Für eine Einführung genügt es, einige wenige Eckpunkte zu kennen. Entscheidend ist nicht die vollständige historische Übersicht, sondern ein erstes Gefühl dafür, dass die heutige Zen-Praxis in einem grösseren Zusammenhang steht.
Wer Zen übt, beginnt nicht bei null. Die eigene Übung steht in einem Strom von Erfahrung, Suche, Klärung und Weitergabe, der weit zurückreicht.
Zen ist ein lebendiger Weg.
Er wird geübt,
weitergegeben und erneuert.
Von Buddha Shakyamuni bis Dogen
Am Anfang der buddhistischen Überlieferung steht Buddha Shakyamuni. Seine Einsicht, sein Weg und seine Lehre bilden den Ursprung der späteren Traditionen.
Über Indien und China gelangte diese Überlieferung nach Japan. Dort wurde sie in unterschiedlichen Schulen aufgenommen und weiterentwickelt. Einer der grossen Gestalten des japanischen Zen ist Dogen (1200–1253). Er betonte in besonderer Weise die Bedeutung des Sitzens selbst. Für ihn ist die Praxis nicht bloss Vorbereitung auf Einsicht, sondern Ausdruck der Verwirklichung.
Dogen prägte damit den späteren Zen-Weg tief. Viele Formen, die heute im Zen vertraut sind, stehen mit seiner Überlieferung in Verbindung: die Würde des Sitzens, die Schlichtheit der Form, die Einheit von Übung und Verwirklichung.
Von Japan aus fand Zen in neuerer Zeit auch seinen Weg in den Westen. So haben die beiden Jesuiten Hugo Enomiya-Lassalle und Niklaus Brantschen Zen in die Schweiz gebracht.
So spannt sich ein Bogen von Buddha Shakyamuni über Chan und Zen bis in die Gegenwart. Diese Geschichte ist gross und vielschichtig. Für die eigene Praxis genügt zunächst, den Zusammenhang zu kennen: Wir sitzen heute nicht losgelöst, sondern in einer überlieferten Form, die getragen und weitergegeben wurde.
Zen im Westen
Zen hat im 20. Jahrhundert zunehmend auch im Westen Gestalt angenommen. Damit veränderten sich nicht nur Orte und Sprachen, sondern auch die Fragen, mit denen Menschen zur Praxis kommen. Viele suchen nicht zuerst ein fernes religiöses System, sondern einen Weg, der im eigenen Leben tragfähig wird. In Lehrendenkreis der Glassman-Lassalle-Linie denken wir darüber nach, welche Anpassungen es im Westen braucht.
Zu den wichtigen Gestalten dieser Weitergabe gehört Hugo Enomiya-Lassalle (1898–1990). Er kam als Missionar nach Japan und fand dort zum Zen. Niklaus Brantschen folgte ihm nach Japan und praktizierte ab 1976 regelmässig bei Yamada Roshi in Kamakura. Niklaus war von 1977 bis 1987 Direktor im Lassalle-Haus und positionierte es 1993 neu.
Damit wird sichtbar: Zen ist nicht einfach aus der Ferne übernommen worden, sondern hat im deutschsprachigen Raum konkrete Orte, Personen und Formen gefunden. Gerade das Lassalle-Haus wurde für viele Menschen zu einem solchen Ort der Praxis, der Vermittlung und der Übersetzung in westliche Lebenszusammenhänge.
Als das Lassalle-Haus 2025 seine Türen schloss, ging ein wichtiger Abschnitt zu Ende. Doch der Weg endete nicht dort. Die Glassman-Lassalle-Linie hat neue, dezentrale Orte gefunden und wird heute von acht Lehrern und Lehrerinnen weitergeführt. Wir erleben einen Umbruch – und zugleich eine Fortsetzung.
Zen im Westen bedeutet deshalb nicht, die Überlieferung hinter sich zu lassen. Es bedeutet vielmehr, sie so aufzunehmen, dass sie heute gelebt und verstanden werden kann.
Ein überlieferter Weg
nimmt immer wieder
neu und lebendig Gestalt an.
Die Glassman-Lassalle-Linie und unsere Praxis heute
Zen wird nicht nur durch Bücher oder Ideen weitergegeben, sondern durch konkrete Linien, Übungsformen und Gemeinschaften. So führte der Weg von Buddha Shakyamuni über Dogen und Koun Yamada Roshi bis zu Niklaus Brantschen und Bernie Glassman Roshi. Damit wird die heutige Praxis ausdrücklich in eine lebendige Linie eingeordnet.
Die Verbindung von Glassman und Lassalle weist zugleich auf einen Weg hin, der sowohl in der klassischen Zen-Überlieferung verwurzelt ist als auch offen für die Fragen und Herausforderungen der Gegenwart bleibt. Die Form des Zen hilft, still zu werden, und zugleich wird gefragt, welche Anpassungen es im Westen braucht.
Unsere heutige Praxis steht in diesem Spannungsfeld: Sie achtet die Form, die Linie und die Weitergabe. Und sie sucht zugleich nach einer Weise, wie Zen in unserem kulturellen Kontext verständlich, ernsthaft und lebendig geübt werden kann.
Dazu gehören das Sitzen, die gemeinsame Form, Rezitation, Dokusan, die Praxis in der Gruppe und die Begleitung durch Lehrende. Linie bedeutet dabei nicht bloss Herkunft. Sie bedeutet auch Verantwortung: das Empfangene sorgfältig zu üben, zu prüfen und weiterzutragen.
Linie bedeutet nicht nur,
woher etwas kommt,
sondern wie es weitergetragen wird.
Regelmässige Praxis zuhause und in der Gruppe
Ein Einführungstag kann einen ersten Zugang eröffnen. Tragfähig wird Zen jedoch meist erst durch regelmässige Praxis.
Dazu gehört zunächst das Üben zuhause. Schon wenige Minuten am Tag können hilfreich sein, wenn sie verlässlich und mit einer gewissen Schlichtheit geübt werden. Wichtiger als grosse Vorsätze ist oft die Regelmässigkeit: lieber einfach und kontinuierlich als ehrgeizig und unbeständig.
Ebenso wichtig ist für viele Menschen die Praxis in der Gruppe. Die Gruppe und die Lehrperson helfen, den Weg zu tragen. Ein Einführungskurs bereitet auch auf die Teilnahme an einem Zazenkai (zwei bis drei Tage Meditation) und Sesshin (5 Tage) vor.
Die Gruppe unterstützt durch Rhythmus, Verbindlichkeit und geteilte Form. Was alleine schwerfällt, wird im gemeinsamen Üben oft leichter. Gleichzeitig schützt die Gruppe davor, die eigene Praxis nur nach den eigenen Vorlieben und Gewohnheiten zu formen.
Auch das Gespräch mit einer Lehrperson kann wichtig werden. Es hilft, Fragen zu klären, Missverständnisse zu vermeiden und den Weg nicht nur aus der eigenen Perspektive zu deuten.
So ergänzen sich drei Formen des Übens: die stille Praxis zuhause, das gemeinsame Sitzen in der Sangha und die persönliche Klärung im Gespräch.
Zen im Alltag / Ausblick auf das Weiterüben
Zen erschöpft sich nicht im Sitzen auf dem Kissen. Die Übung will in den Alltag hineinwirken: in das Gehen, das Arbeiten, das Sprechen, das Hören, das Essen und in den Umgang mit anderen Menschen.
„Zu hören, wenn ich höre, zu gehen, wenn ich gehe, zu schlafen, wenn ich schlafe, zu essen, wenn ich esse“. Genau darin zeigt sich, dass der Weg nicht vom Leben getrennt ist.
Zen im Alltag bedeutet nicht, ständig in einer besonderen Stimmung sein zu müssen. Es bedeutet eher, im jeweiligen Augenblick etwas wacher und unmittelbarer da zu sein. Oft beginnt das ganz schlicht: einmal bewusst atmen, einen Schritt wirklich gehen, beim Essen wirklich essen, in einem Gespräch wirklich zuhören.
Wer nach diesem Einführungstag weiterüben möchte, braucht dafür kein grosses Programm. Ein stiller Platz zuhause, eine einfache Form, etwas Regelmässigkeit und die Verbindung zu einer Gruppe können schon viel bewirken.
Vielleicht wird daraus mit der Zeit ein verlässlicher Weg. Vielleicht bleibt es zunächst ein vorsichtiges Weiterfragen. Beides ist in Ordnung. Entscheidend ist nicht, schnell weit zu kommen, sondern ehrlich zu üben.
Zu sitzen, wenn man sitzt.
Zu gehen, wenn man geht.
Zu leben, was gerade ist.
Brunnengeschichte
Eines Tages fragten einige Menschen einen einsamen Mönch:
„Welchen Sinn hat dein Leben der Stille und Meditation?“
Der Mönch schöpfte gerade Wasser aus einem tiefen Brunnen und sagte:
„Schaut in den Brunnen. Was seht ihr?“
Die Menschen antworteten:
„Wir sehen nichts.“
Nach einer Weile sagte er erneut:
„Schaut wieder hinein. Was seht ihr jetzt?“
Sie antworteten:
„Jetzt sehen wir uns selbst.“
Der Mönch sagte:
„Als ich Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist es still geworden. Das ist die Erfahrung der Meditation: Man sieht sich selbst.“
Nach einer weiteren Weile sagte er:
„Schaut noch einmal hinein. Was seht ihr jetzt?“
Die Menschen antworteten:
„Nun sehen wir die Steine auf dem Grund.“
Da sagte der Mönch:
„Wenn das Wasser lange genug still ist, sieht man den Grund aller Dinge.“
Wenn das Wasser still wird,
zeigt sich mehr,
als man zuerst sehen konnte.
Fotosafari
Ein Mann unternahm einst eine Fotosafari, von der er nicht mehr zurückkehrte.
Auf unerklärliche Weise war er verschwunden.
Erst als man später seine Fotoausrüstung fand, konnte man anhand des eingelegten Filmes nachvollziehen, was geschehen war.
Auf seiner Tour hatte er einen Löwen entdeckt, den er fotografieren wollte. Vorsichtig stellte er seinen Fotoapparat auf ein Stativ und versuchte, den Löwen scharf ins Bild zu bekommen. Doch so sehr er sich auch bemühte, das Bild wurde und wurde nicht scharf – im Gegenteil, es wurde immer verschwommener.
Zu spät merkte er, dass nicht das Bild unscharf war, sondern dass der Löwe ihm immer näher gekommen war.
Oft sehen wir nicht die Wirklichkeit selbst,
sondern nur das Bild,
das wir uns von ihr machen.
Zu meiner Person
Über drei Jahrzehnte war ich in der IT tätig – als Programmierer, Projektleiter, Produktmanager und Dozent. Diese Zeit war geprägt von Klarheit, Struktur und der Freude, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen.
Doch schon in jungen Jahren bewegte mich eine tiefere Frage: Was macht ein religiöses und gutes Leben aus? Die Stille, die Weite und Tiefe des Zen berührten mich früh. Auch die Natur und das Bergsteigen wurden für mich zu wichtigen Erfahrungsräumen von Präsenz, Einfachheit und Sammlung.
Im Lauf der Jahre wurde die Zen-Praxis zu einem tragenden Weg. 2021 erfolgte meine Ernennung zum Zen-Assistenzlehrer durch H. W. Hoppensack Sensei. Im Juni 2025 erhielt ich von Dieter Wartenweiler Roshi die Dharma-Transmission und die Zen-Lehrbefugnis als Sensei. Dabei wurde mir der Name Seisen gegeben – Ruhiger Fluss.
Heute ist es mir ein Anliegen, Zen in einer klaren, schlichten und lebensnahen Weise weiterzugeben: ernsthaft in der Praxis, offen im Zugang und verbunden mit den Fragen des heutigen Lebens.
Im März 2026.
Klaus-Peter Wichmann
Zen-Lehrer der Glassman-Lassalle Linie
kp-wichmann@parami.ch
https://parami.ch
Möglichkeiten zu praktizieren
Zen entfaltet seine Tiefe vor allem durch regelmässige Praxis. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten.
In Zürich Wiedikon biete ich im Bethaus an acht Samstagen Zazen-Kurse an. Diese Kurstage ermöglichen eine vertiefte Einführung und eine regelmässige Übung im Rhythmus des Alltags.
In der Propstei Wislikofen finden zudem Zazenkai über drei Tage sowie Sesshin statt. Solche mehrtägigen Übungszeiten eröffnen einen geschützten Raum, in dem Sitzen, Gehen, Schweigen und gemeinsame Form intensiver erfahren werden können.
Darüber hinaus gibt es auch in unserer Linie weitere Möglichkeiten zu praktizieren. Da die Glassman-Lassalle-Linie heute dezentral an verschiedenen Orten lebt, lohnt es sich, sich über die aktuellen Angebote, Lehrenden und Übungsorte zu informieren.
Wer weiterüben möchte, kann klein beginnen: mit einem stillen Platz zuhause, mit regelmässigem Sitzen und mit der Verbindung zu einer Gruppe. Oft wächst der Weg aus dieser Schlichtheit heraus.
Zürich Wiedikon
Zazen-Kurse an acht Samstagen im Bethaus.
https://parami.ch/
Propstei Wislikofen
Zazenkai über drei Tage und Sesshin.
https://propstei.ch/kurs/zazenkai-in-wislikofen/
Unsere Linie
Dezentrale Übungsorte und weitere Möglichkeiten zur Vertiefung.
https://zen-glassman-lassalle.ch/de/Termine